Morgenrot & Abendblau – Wie Kunst den Alltag verändert
Über den Künstler Peter Stöcker
Peter Stöcker ist Bremer Künstler und kreativer Unternehmer. Unter seinem Pseudonym THECUT arbeitet er seit vielen Jahren an der Schnittstelle von Grafik, Malerei und urbanem Raum. Seine Arbeiten zeichnen sich durch klare Formen, geometrische Strukturen und starke Farbkontraste aus. Neben seiner freien künstlerischen Tätigkeit gründete er die Urban Art Agentur Lucky Walls, über die er Projekte im öffentlichen Raum initiiert und umsetzt. Seinen eigenen Stil bezeichnet Stöcker als "Monumomentum“. In seinen Arbeiten geht es um Vorankommen, Transformation und Energien. Diese Energien zu visualisieren und ihnen ein Monument zu setzen, ist ein zentraler Aspekt seines künstlerischen Ausdrucks.
Der künstlerische Ansatz
Für die Gestaltung von „Morgenrot & Abendblau“ abstrahierte Peter Stöcker die Dynamik der täglichen Pendlerströme. Jeden Morgen strömen Menschen zur Arbeit, abends kehren sie zurück. Ein wiederkehrender Rhythmus, der den Bahnhof und seine Umgebung bestimmt. Er greift die vorhandene Energie der Menschen auf und übersetzt sie in eine grafische Komposition aus Linien, Kreisen und Flächen. Die gegenwärtige Bewegung der Menschen beim Passieren der Tunnel wird zusätzlich Teil des Kunstwerks, ebenso wie Sie die Inspiration sind. Ihre Bewegungen durch die Tunnel werden in der Komposition gespiegelt, wodurch das Werk zusätzliche Energie und Dynamik erhält. Wer die Unterführungen betritt, erlebt nicht nur ein Kunstwerk, sondern wird ein aktiver Bestandteil.
Urbanes Umfeld und Architektur als Leinwand
Die besondere Spannung des Kunstwerks entsteht im Zusammenspiel von künstlerischer Gestaltung und der vorhandenen architektonischen Infrastruktur sowie dem angrenzenden urbanen Raum. Die neu gestalteten Tunnel werden zu Portalen, welche die Wohngebiete miteinander verbinden und die Passanten während des Durchschreitens oder Durchfahrens in eine andere Welt eintauchen lassen. Der funktional geprägte, dunkle Tunnel wird von einem Raum des schnellen Passierens zu einem Raum des Verweilens. Er wird nicht mehr als der Tunnel wahrgenommen, welcher er funktional gesehen auch weiterhin ist. Er wird zu einer Erlebniswelt, an deren hellem Ende erst die Realität wartet. Die Kunst verändert die Wahrnehmung und gibt dem Raum eine neue Bedeutung.
Besonders interessant ist der Treppenaufgang zur S-Bahn, der die lineare Richtung der Tunnel unterbricht und eine kreuzende Bewegungsachse schafft. Diese wird auch in der Gestaltung aufgegriffen. Die Linien und Formen im Tunnel wechseln mehrfach die Richtung und folgen der Öffnung des Treppenaufgangs. An dieser Stelle wurde das bestehende auf raffinierte Weise mit eingebunden. Der violett lackierte Handlauf wird zu einer optischen Linie und folgt als Element der Komposition dem Kunstwerk zur S-Bahn-Station. Von der S-Bahn kommend, verschmelzen die Gestaltungen von Tunnel und Treppe wiederrum und leiten die Passanten sanft in den Tunnel hinein. Ein weiteres spannendes Detail ist das bunte opake Fenster am oberen Rand des Treppenaufgangs, dessen Farben und Formen in der Gestaltung des Toilettencontainers aufgegriffen wurden und so eine visuelle Verbindung über den Tunnel hinaus erzeugen.
Transformation von Raum und Wahrnehmung
Vor der künstlerischen Intervention galten die Tunnel als dunkel, eng und wenig einladend. Fußgängertunnel und Bahnhöfe haben allgemein oft einen schlechten Ruf, sodass Menschen sich dort selten aufhalten und teilweise ein Gefühl von Unsicherheit verspüren. Die Gestaltung von „Morgenrot & Abendblau“ verändert den Ort physisch zwar nicht, schafft aber eine positive und angenehme Atmosphäre, die zum Verweilen einlädt und die Wahrnehmung grundlegend verändert. Besonders interessant ist, dass durch die Abstraktion der Bewegungen der Pendler, die Menschen selbst Teil der Veränderung werden. Ihre Bewegungen sind die Grundlage der Gestaltung und gleichzeitig verschmelzen sie mit der Komposition, wodurch das Werk zusätzliche Energie und Dynamik erhält.
Während des Fotografierens konnte ich häufig beobachten, wie sich die Wahrnehmung der Tunnel verändert hat. Immer wieder blieben Menschen stehen und betrachteten die farbigen Wände um sie herum genauer. Viele äußerten sich sehr positiv und freuten sich, dass die Tunnel nun eine so positive Energie ausstrahlen und den Weg zur Arbeit bereichern. Diese Reaktionen zeigen, dass die Kunst den Raum nicht nur optisch aufgewertet hat, sondern auch dass sie die Menschen in ihrem Alltag nachhaltig beeinflusst.
Hintergründe zum Projekt
Das Projekt wurde durch die Stadt Eschborn beauftragt und initiiert, um das Wohlbefinden im öffentlichen Raum, insbesondere im Bereich der wenig einladenden Tunnel, zu verbessern. Für die Umsetzung des großflächigen Murals wurde die Urban Art Agentur Lucky Walls beauftragt, die mit einem Team die Farbe auf die Wände aufgetragen hat. Das Konzept und der Entwurf stammen aus der Hand von Peter Stöcker (alias THECUT), welcher auch der Inhaber der Agentur ist. Insgesamt zeigt das Projekt beispielhaft, welche Wirkung Urban Art entfalten kann. Sie bereichert nicht nur die visuelle Erscheinung eines Ortes, sondern verändert auch die Wahrnehmung, Stimmung und das Verhalten der Menschen. Für die Pendler, die täglich durch die Tunnel gehen, bedeutet dies eine deutliche Aufwertung ihres Alltags. Mit Blick auf unsere Arbeit war es eine spannende Erfahrung, Architektur und Urbanität einmal anders zu betrachten.