Ein Museum, dass selbst ein Kunstwerk ist: Das Museum Reinhard Ernst

Das Museum Reinhard Ernst hat vom ersten Moment mein Interesse geweckt, als ich in einem Beitrag von dessen Eröffnung hörte. Ein privat errichtetes Museum, welches sich ausschließlich der zeitgenössischen abstrakten Kunst widmet, ist wirklich einzigartig. Darüber hinaus ist es aber auch architektonisch eine Rarität, denn dieses Museum wurde nicht für die Kunst geschaffen, sondern gemeinsam mit ihr. Diese besondere architektonische Herangehensweise hat uns dazu angeregt, diesem Projekt einen Artikel zu widmen. Im Folgenden möchten wir herausarbeiten, wie Architektur den Raum zur Rezeption abstrakter Kunst geben kann, während sie nach außen selbst ein monumentales Kunstwerk ist.

Eine zurückhaltende Gebäudeform mit Raum für Interpretation

Von der Bevölkerung erhielt das Museum schnell den Spitznamen „Zuckerwürfel von Wiesbaden“ und auch in Bezug auf die Architektur ist dieser sehr zutreffend. Das Gebäude setzt sich aus vier Segmenten zu einem großen Quader zusammen. Zwischen den Segmenten wird die massive Fassade von großen Glasflächen unterbrochen. In den oberen Etagen der Ausstellungsfläche werden die einsehbaren Bereiche von einer zaunartigen Metallstruktur verdeckt, während sich das Erdgeschoss der Öffentlichkeit vollständig öffnet. Diese offene Gestaltung lässt das darüberliegende Massiv förmlich schweben.

Der Leitgedanke Fumihiko Makis beim Entwurf des Museums war eine respektvolle Haltung. Diese Haltung äußert sich zum einen in der Zurückhaltung der Gebäudeform, als auch in dessen Strukturierung, welche sich an den Fluchten der angrenzenden Gebäude orientiert. Trotzdem hat der Baukörper eine atemberaubende Präsenz, welche ihn wie eine Skulptur erscheinen lässt.

Die Präsenz gründet im Kontrast der klaren und kompakten Gestaltung des Gebäudes und dessen gleichzeitiger Offenheit. Auf den ersten Blick erscheint das Museum sehr massiv und sticht aus der übrigen Bebauung hervor. Beim näheren Betrachten verflüchtigt sich dieser Eindruck jedoch und der zuvor massiv wirkende Baukörper wird federleicht. Im Inneren setzt sich dieser Eindruck weiter fort und gibt der ausgestellten Kunst den nötigen Raum, sich zu entfalten.

Detail Fluchten Museum Reinhard Ernst
Stadtansicht mre Fumihiko Maki

Eine Fassade wie eine weiße Leinwand, ein Inneres voll bunter Fantasie

Auch bei der Gestaltung der Fassade zeigt sich, wie der architektonische Entwurf die bloße Funktion des Gebäudes weiterdenkt. In klassisch japanischer Tradition wird das Gebäude nicht als innen und außen verstanden, sondern als fließend zusammenhängendes Gefüge. Die weißen funkelnden Granitplatten umhüllen nicht nur die Kunst, sondern treten auch im Innenraum direkt mit ihr in Verbindung. In ihrem neutralen Weiß überlassen sie aber der Kunst die Bühne, um die Menschen zu faszinieren.

Aber das helle Weiß der Fassade ist nicht nur sinnbildlich als Leinwand zu sehen, welche den Kontrast zu den bunten Ausstellungsstücken im Inneren bildet. Von außen betrachtet polarisiert sie und hebt das Museum aus der umliegenden Bebauung hervor. Die glitzernde kristalline Beschaffenheit des Granits liefert zusätzliche Strahlkraft und weist den Besuchern schon aus der Ferne den Weg. Auch daher stammt wohl die Assoziation mit einem Zuckerwürfel. Ein passender Titel für die monumentale Bauskulptur.

Ein Innenhof als Anker und Raum zur Beruhigung

Während die Gestalt des Museums und die ausgestellte Kunst die Besucher herausfordern und begeistern, sorgt der zentrale lichtdurchflutete Innenhof für Ruhe. Er ist das Zentrum des Baukörpers und der Ort, welcher alle Ausstellungsräume miteinander verbindet. In seiner Mitte befindet sich ein angelegter Steingarten mit einem Fächerahorn und einer eisernen Skulptur von Eduardo Chillida. Betrachtet man das kunstvolle Arrangement am Boden, entsteht eine meditative Atmosphäre. Hier können sich die Besucher eine Auszeit nehmen, sich setzen und die offene Architektur auf sich wirken lassen. Gegenüber der äußeren Massivität und Ausdruckskraft des Museums wirkt der offen und fließend gestaltete Innenraum geradezu leicht und zurückhaltend.

Innenhof Museum Reinhard Ernst Wiesbaden
Aufgang Obergeschoss mit gläsernem Ausstellungsraum
Zweigeschossiger Ausstellungsraum

Räume entworfen im Dialog mit der Kunst

Entgegen der üblichen Planung eines Museums entstand der Entwurf von Fumihiko Makis in einer engen Zusammenarbeit mit seinem Freund, dem Namensgeber und Stifter des Museums, Reinhard Ernst. Auf diese Weise wurden keine allgemeingültigen Ausstellungsräume entworfen, sondern es war schon während der Planungsphase klar, welche Kunstwerke in der Ausstellung gezeigt werden sollten.

Ein Beispiel hierfür ist die über 6 Meter hohe Bronzeskulptur „Pair“ von Tony Cragg, welche schon während der Bauphase an Ihrem geplanten Standort installiert wurde. Ein weiteres bezeichnendes Beispiel ist der sogenannte Ausstellungsraum „Aquarium“, in welchem eine Reihe von Frank Stellas Wandskulpturen aus der Serie „Moby Dick“ zu sehen sind. Dieser speziell für die Werke geschaffene Raum ist, wie der Name es schon verrät, durch eine Glaswand offen einsehbar. Darüber hinaus finden sich noch viele weitere Stellen im Museum, in denen die Architektur bewusst Räume schafft, welche der Kunst eine Bühne bieten, die mehr ist als eine bloße weiße Wand.

Architektur im Spannungsfeld zwischen Standort und Standpunkt

Das Museum Reinhard Ernst ist mehr als ein Museum in klassischem Sinn. Es ist ein Ort, welcher abstrakte Kunst in interessanten Ausstellungsformaten inszeniert und es gleichzeitig schafft, dass Menschen allein für die Architektur von weither anreisen. Dieser eindrucksvolle Entwurf von Fumihiko Maki schafft es durch seine einzigartige Konzeption, gleichzeitig ein Ort zu sein und als Objekt wahrgenommen zu werden. Durch seine Gestaltung löst es widersprüchliche Wahrnehmungen aus. Im ersten Moment ist es schwer und massiv, dann aber gleichzeitig auch offen und leicht. Dieser Kontrast zieht die Menschen in seinen Bann und lässt sie innehalten, als ständen sie vor einer Skulptur wie der mit dem Titel „Pair“ im Inneren des Museums.

Architekturfotografie Verbindung  Innen-Außenraum