Form folgt Funktion? Architektur und Fotografie im Spannungsfeld von Kunst und Zweck

Die Frage nach der Kunst stellt sich für Fotografen häufig. Und tatsächlich ist die Fotografie schon lange eine etablierte Form der Kunst. Doch wie verhält es sich mit der Auftragsfotografie, wie wir sie als Architekturfotografen betreiben? Kann Architekturfotografie Kunst sein? Worin unterscheidet sich die kommerzielle Architekturfotografie von der architekturinspirierten künstlerischen Fotografie? Mit diesen Fragen im Kopf habe ich mich auf eine gedankliche Reise begeben und erörtert, wie sich beide fotografischen Disziplin unterscheiden, aber auch teilweise überschneiden. Im Folgenden nehme ich Sie mit in einen spannenden Diskurs.

Die Essenz der Fotografie: Realität, Licht und der Moment

Fotografie ist im Kern ein technischer Vorgang. Gleichzeitig ist sie aber auch eine Kunstform und zeichnet sich durch bewusst gewählten Bildkompositionen aus. Der technische Aspekt basiert auf einem Verfahren Lichtspuren sichtbar zu machen, so wie es der Name beschreibt: „Photo“ aus dem Altgriechischen „Licht“ und „Graphie“ ebenfalls aus dem Altgriechischen „Zeichnung“. Mithilfe eines Objektivs werden die reflektierten Lichtstrahlen des Motivs auf ein lichtempfindliches Medium projiziert und dort direkt festgehalten. Ob analoger Film oder digitaler Sensor: Das Foto entsteht als unmittelbarer Abdruck eines bestimmten Moments einer Realität.

Jedoch ist das Foto nur ein relatives Abbild dieser Realität. Es bildet zwar einen realen Zustand ab, jedoch zeigt das Bild nur einen Ausschnitt, welchen der Fotograf durch den Bildausschnitt, die Perspektive oder den Fokus bewusst (oder unbewusst) gewählt hat. In seiner späteren Rezeption wird das Foto aber ohne den Bezug zu dieser Realität betrachtet und bietet Raum zur Interpretation. Eine Fotografie bewegt sich somit immer zwischen dem Realen und einer Fiktion, jedoch mit dem Wissen, dass das gesehene wirklich dagewesen sein muss. 

Architekturfotografie als Dienstleistung: Dokumentation und gestalterischer Zurückhaltung

In ihrem praktischen Zweck ist Architekturfotografie zunächst eine Dienstleistung. Unternehmen aus der Architektur und Baubranche beauftragen Fotograf:innen, um ihre fertiggestellten Projekte professionell dokumentieren zu lassen. Im Mittelpunkt steht dabei nicht das Bild als eigenständiges künstlerisches Werk, sondern die sichtbare Umsetzung der architektonischen Idee: Wie wirkt der Raum? Wie sind Lichtführung, Materialien und Proportionen im gebauten Zustand erlebbar? Die Aufgabe der Architekturfotografie ist es, diese Intention möglichst präzise und atmosphärisch sichtbar zu machen. Licht spielt auch hier eine tragende Rolle. Jedoch nicht als rein bildnerisches Element, sondern mit Blick auf den architektonischen Entwurf und eine stimmungsvolle Atmosphäre im Bild. Es unterstützt die Vision des Architekten, bringt Details zur Geltung oder lenkt den Blick.

Straßenansicht Palazzo Minzoni Abendsonne

Architekturfotografie als Kunstform: Wenn die Architektur in den Hintergrund rückt

Architekturfotografie kann aber auch als Form der Kunst funktionieren. Ein radikales Beispiel, wie eine nüchterne Dokumentation den künstlerischen Raum füllt zeigen die Industriefotografien von Bernd und Hilla Becher. Ihre systematische fotografische Erfassung von Industriearchitektur reduzierte Gebäude auf ihre reine Form und Struktur und löst sie von ihrem funktionalen Zweck. Das Foto zeigt die Architektur auf eine maximal ganzheitliche, aber gleichzeitig reduzierte Art und Weise.

Die künstlerische Interpretation von Architekturfotografie öffnet sich an der Grenze von Abbildung und Eigenständigkeit. In dem Moment, in dem das Foto den erklärenden Aspekt der Abbildung loslässt und als eigenständiges Bild betrachtet wird, löst es sich von der Dokumentation hin zur Kunst. Künstlerische Architekturfotografie ist keine dokumentarische Darstellung von Architektur, sondern nimmt nur noch Bezug zu ihr. Architektur wird zur Inspirationsquelle und Formidee. Abstrahierte Details, grafische Flächen, Lichtverläufe oder Materialkontraste werden zu den prägenden Bildelementen. Es entstehen Fotografien, die für sich selbst stehen und einen ästhetischen Eigenwert besitzen. Die Referenz zur Realität rückt in den Hintergrund. Man könnte sagen: An dem Punkt, an dem es nicht mehr entscheidend ist, ob das Motiv ein Gebäude ist, beginnt die Fotografie, sich von der Architektur zu lösen.

Campus Westend_Sprach- und Kulturwissenschaften 8

Und was ist mit der Architektur selbst – Kunst oder Funktion?

Sowohl Architektur als auch Fotografie sind zweifellos als eigenständige Disziplinen der Kunst zu verstehen. Sie verfügen über eigene Ausdrucksformen, eigene Regeln, eigene Stilmittel. Die Architekturfotografie jedoch, als Schnittstelle beider Felder, bleibt in ihrer Grundfunktion ein sachlich dokumentierendes Medium. Ihr Zweck liegt primär in der sichtbaren Darstellung architektonischer Visionen. Sie macht Entwurfsideen erlebbar, übersetzt räumliche Konzepte in Bilder und bleibt dabei der Intention der Architekt:innen verpflichtet. Hier steht die Funktion stets im Vordergrund. Jedoch können ihr auch künstlerische Spielräume eingeräumt werden, so wie es auch die Architektur mit künstlerischen Akzenten gibt. Wichtig ist hierbei nur, dass die Architektur selbst das zentrale Motiv bleibt. Gestaltung muss nicht rein zweckdienlich sein, um zu funktionieren. Aber sie muss ihren Fokus behalten, um ihre Aussage nicht zu verlieren. Auf die Frage „Form folgt Funktion?“ lässt sich für die Architekturfotografie klar antworten: Ja, sie folgt ihrer dokumentierenden Aufgabe.

FOUR im Zentrum eines belebten Viertels

Fazit: Form folgt Funktion – mit Raum für Interpretation

Sowohl Architektur als auch Fotografie sind zweifellos als eigenständige Disziplinen der Kunst zu verstehen. Sie verfügen über eigene Ausdrucksformen, eigene Regeln, eigene Stilmittel. Die Architekturfotografie jedoch, als Schnittstelle beider Felder, bleibt in ihrer Grundfunktion ein sachlich dokumentierendes Medium. Ihr Zweck liegt primär in der sichtbaren Darstellung architektonischer Visionen. Sie macht Entwurfsideen erlebbar, übersetzt räumliche Konzepte in Bilder und bleibt dabei der Intention der Architekt:innen verpflichtet. Hier steht die Funktion stets im Vordergrund. Jedoch können ihr auch künstlerische Spielräume eingeräumt werden, so wie es auch die Architektur mit künstlerischen Akzenten gibt. Wichtig ist hierbei nur, dass die Architektur selbst das zentrale Motiv bleibt. Gestaltung muss nicht rein zweckdienlich sein, um zu funktionieren. Aber sie muss ihren Fokus behalten, um ihre Aussage nicht zu verlieren. Auf die Frage „Form folgt Funktion?“ lässt sich für die Architekturfotografie klar antworten: Ja, sie folgt ihrer dokumentierenden Aufgabe.

Architekturfotografie Gebäudeform Haus am See